Der globale Bienenhandel und seine Folgen
Hermann Pechhacker, Institut für Bienenkunde, A – 3293 Lunz am See
Die ursprüngliche Situation in der Welt
Ursprünglich hat es nur in der „Alten Welt“ (Afrika, Asien und Europa) Honigbienen der Gattung Apis gegeben:
Die Westliche Honigbiene Apis mellifera war ursprünglich mit ihren vielen Unterarten oder Rassen nur im gesamten Arfika, Europa bis zum Ural und Vorderasien bis Persien zu finden. Sie ist heute durch den Menschen allerdings auch im übrigen Asien, in Amerika und Australien verbreitet worden.
Asien ist die Heimat mehrerer Arten der Honigbienen der Gattung Apis. Die höhlenbrütende Art Apis cerana ist der natürliche Wirt der Varroamilbe. Die Verbreitung von Apis cerana reicht vom südöstlichen Persien, Afghanistan und Pakistan über den indischen Subkontinent bis ins nordöstliche China oder den fernen Osten Russlands. Diese Biene wird so wie Apis mellifera in Beuten gehalten. Neben Apis cerana gibt es auf den Sundainseln noch andere höhlenbrütende Arten (z.B. Apis koschevnikovie oder A. nuluensis).
Zusätzlich zu diesen höhlenbrütenden Arten kommen in Asien noch zwei Riesenhonigbienenarten (A. dorsata = die „Riesenhonigbiene und A. laboriosa = die „Felsenbiene der Himalyas“) und zwei Zwerghonigbienenarten (A. florea und A. andreniformis) vor. Auch diese freibrütenden Honigbienen werden regional intensiv für die Honigproduktion genutzt.
Diese asiatischen Honigbienenarten lebten immer nebeneinander, ohne sich zu konkurrenzieren. Weder in der Nistplatzwahl noch in Paarungszeit oder Paarungsplatz waren sie sich gegenseitig im Weg. Jede dieser Bienenarten hat ihre für sie typischen Trachtpflanzen, ihre wirtsspezifischen Parasiten und Krankheiten. Die Cerana ist der natürliche Wirt der Varroa-Milbe, Apis dorsata von Tropilaelaps-Milbe oder die Zwerghonigbiene beherbergt eine Milbe der Gattung Euvarroa. Keine dieser auf eine Bienenart spezialisierten Milben wechselte in den vielen Jahrtausenden auf eine andere Bienenart Asiens über. Erst durch das menschliche Zutun kam es anders.
In der neuen Welt – Amerika und Australien – gab es keine Honigbienen der Gattung Apis. Die Honiglieferanten der Indios und Aborigines waren stachellose Bienen.
Situtation, Chancen und Probleme auf den einzelnen Kontinenten
Jeder Kontinent hat heute seine zum Teil sehr spezifischen Probleme aber auch seine Chancen.
Afrika
Durch eine negative Selektion (aggressive Völker konnten sich eher gegen den Honigräuber Mensch oder gegen den Honigdachs wehren) sind heute viele Bienenrassen in Afrika sehr aggressiv. Die Unterart Apis mellifera scutellata hat durch ihre Ausbeitung in Amerika Berühmheit als „Mörderbiene“ erlangt. Nur die südlichste Unterart A. mellifera capensis und zum Beispiel die inmitten der Dörfer gehalten Biene des Hohen Atlas sind sanft. Gerade die in Nordafrika als eher sehr aggressiv bekannte Tellbiene (Apis mellifea intermissa) ist dort, wo sie noch nicht durch die Einfuhr fremder Rassen verbastardiert ist, ausgesprochen friedlich
Mit Ausnahme Süd- und Nordafrikas werden die Bienenvölker noch weitgehend in traditionellen (Röhren-)Beuten gehalten. Die Honigerträge sind daher meist sehr gering. Wenn zum Beispiel im Rahmen von Entwicklungsprojekten moderne Technologie eingesetzt wird, werden weit höhere Honigerträge erzielt. Eine weitere wichtige Chance läge in Afrika in der Pollenproduktion. Dadurch könnte höchst wertvolle und wichtige Eiweißnahrung für die Menschen geschaffen werden.
Das südliche Afrika hat ein ganz besonderes, neues Problem:
Die Kapbiene (Apis mellifera capensis) und Apis mellifera scutellata lebten bis vor wenigen Jahren ohne Probleme nebeneinander. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Kapbiene durch Imker in das nördlichere Verbreitungsgebiet der Scutellata gebracht – und die Katastrophe für die Imkerei begann. In einer Art Sozialparasitismus besetzen Arbeiterinnen die Völker von Scutellata. Die in ein Scutellatavolk verflogene Capensis-Arbeiterin wird dort ähnlich einer Königin gefüttert und sie beginnt in dem fremden Volk sofort mit der Ablage von Eiern. Aus diesen unbefruchteten Eiern entstehen durch die sogenannte Automixis zur Hälfte Arbeitsbienen. Diese neuen Capensis-Arbeitsbienen werden wiederum ähnlich einer Königin aufgezogen und gefüttert und auch sie legen Eier. Da die Scutellatakönigin verloren geht und die Capensis-Arbeitsbienen weder Sammelflüge machen noch Brut aufziehen, geht das Volk in wenigen Wochen zugrunde. Ganze Bienenstände gehen dadurch innerhalb kurzer Zeit verloren.
In Süd- und Nordafrika verursacht die Varroa große Probleme. Da die Varroa sicher auch nach Zentralafrika vordringen wird, bahnt sich hier eine bienenwirtschaftliche Tragödie an. Die vorwiegend traditionelle Imkerei wird über Jahrzehnte nahezu verschwinden. Das hat sich auch in Nordafrika gezeigt. Eine wichtiger Zweig zur Produktion wertvoller Lebensmittel geht verloren und die noch wichtigere Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen ist nicht mehr gesichert.
Ein anderes Beispiel: Im nördlichen und zentralen Marokko ist die traditionelle Imkerei mit der sanften lokalen Biene durch die Varroa nahezu verschwunden. Die heutige Biene der verbliebenen (Groß-) Imker ist verbastardiert und sehr aggressiv. Bienen werden nur mehr in den guten Trachtgebieten gehalten. In den übrigen Gebieten ist die Bestäubung nicht mehr gesichert. Für die arme bäuerliche Bevölkerung ist Honig eine fast unerschwingliche Kostbarkeit.
Asien
Die traditionelle Imkerei Asien sieht ähnlich aus wie die in Abb. 1 dargestellte Imkerei Südmarokkos. Die Bienen sind mitten im Dorf, am Haus oder sogar im Wohnhaus aufgestellt. Kein Mensch hat Angst vor Bienen. Die asiatische Biene Apis cerana („Asian hive bee“, siehe Abb. 2) ist eine extrem sanfte, aber leider nicht sehr ertragreiche Biene, weil ihr der bei unserer westlichen Honigbiene durch die langjährige Zuchtarbeit erzielte Zuchtfortschritt fehlt. Für die Bauern der armen Länder Asiens ist diese Biene ideal. Sie braucht keine moderne Technologie und wenig Pflege. Vor allem aber braucht sie im Gegensatz zur importierten Apis mellifera keine Medikamente gegen die asiatischen Bienenmilben (Varroa und Tropilaelaps clarae).
Neben der Apis cerana werden in Asien auch die freilebenden Riesen- und Zwerghonigbienen zur Honiggewinnung genutzt.
Das friedliches Nebeneinander der verschieden Bienenarten und das billige und nahezu problemlose Imkern mit den heimischen Bienenarten währte in Asien bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Mensch die westliche Honigbiene Apis mellifera erfolgreich einführte. Mit der westlichen Honigbiene wurden für die asiatischen Bienen fremde Krankheiten mit eingeschleppt. Sackbrut oder Faulbrut machen vor allem der Cerana zu schaffen. Aber auch die Riesenhonigbiene Apis dorsata hat vor allem mit Faulbrut zu kämpfen. Umweltzerstörung und dadurch fehlende Tracht und fehlende natürliche Nistmöglichkeiten für freibrütende Arten kommen noch erschwerend dazu. Für Apis cerana kommt auch noch der wirtschaftliche Druck und möglicherweise eine natürliche Verdrängung durch die Mellifera dazu. Die Mellifera bringt mehr Honig, braucht aber eine moderne Beute, viel Futterzucker und Medikamente. In manchen Gebieten Asiens (z.B. Nepal) wird die Mellifera außerdem von geschickten Geschäftemachern stark propagiert.
Die Ergebnisse zeigen, dass dort, wo eine große Anzahl Melliferavölker gehalten wird, die Cerana unweigerlich verdrängt wird. Die Cerana-Imker sind hier machtlos. Dadurch geht die Biene „des armen Mannes“ verloren.
Auf der anderen Seite hat auch die Melliferaimkerei in Asien erhebliche Probleme mit Rückständen. So wurden zum Beispiel in der EU die Honigimporte aus China gestoppt, weil unzulässige Antibiotikarückstände gefunden wurden. In den tropischen und subtropischen Gebieten (wo auch Apis dorsata vorkommt) ergeben sich derzeit für die Melliferaimker schwere Probleme wegen der Milbe Tropilaelaps clarae: Da es kaum wirksame Medikamente gibt, sterben die Völker oder erreichen nicht die für eine Trachtnutzung notwendige Stärke.
Durch all diese Umstände geht auch in Asien die flächendeckende Bienenhaltung zunehmend verloren. Da die mehr und mehr zurückgedrängten heimischen Bienenarten vor allem für die natürliche Pflanzenwelt wesentlich bessere Bestäuber sind als die Mellifera, besteht auch in Asien die Gefahr, dass die notwendige Bestäubung nicht mehr gesichert ist.
Amerika / Australien
Auf diesen beiden Kontinenten gabe es keine Honigbienen, bevor die Europäer diese Erdteile okupierten.
Australien (nicht mehr Neuseeland) ist noch heute in der glücklichen Lage, ohne Varroa imkern zu können. Australien hat daher nur die Probleme, die auch Europa vor der Varroainvasion hatte: Faulbrut und Kalkbrut – sieht man von gelegentlichen Absatzproblemen auf dem Weltmarkt ab. Die sehr hohe Honigproduktion pro Volk und Jahr eröffnet der Imkerei die Chance, in Zukunft ein wichtiger Energielieferant nicht nur für die menschliche Ernährung zu werden. „Umweltfördernd produzierter Biosprit aus Honig“- eine absurde aber durchaus nicht mehr unrealistische Annahme, wenn die Preise für fossile Energien stark ansteigen. Absurd ist die Idee, wenn man bedenkt, dass Honig ein hochwertiges Lebensmittel ist und auf unserer Erde in weiten Teilen zu den Luxusgütern zählt.
Anders ist die Situation auf dem nordamerikanischen Subkontinent:
Alle herkömmlichen Bienenkrankheiten wurden von den Siedlern aus Europa mit den Bienen mit importiert. Hinzu kam noch die Varroamilbe und seit kurzer Zeit der Kleine „Bienenbeutenkäfer“ (Small Hive Beetle; Abb. 3). Nordamerika hat so wie Europa bereits gegen Fluvalinat (Apistan) und Coumaphos (Perizin, Check Mite) resistente Milben. Zu diesen Problemen kommt in den Südstaaten der USA noch die Invasion der sehr aggressiven afrikanisierten Bienen, die aus Südamerika eingewandert sind.
Mittelamerika und das tropische Südamerika haben keine Probleme mit der Varroamilbe. Die Milbe schädigt hier die Völker nicht. Das Problem mit der afrikanisierten Biene haben die Imker heute weitgehend im Griff. Ein Imkern in der Nähe von oder in Siedlungen ist mit dieser Biene allerdings nicht möglich. Im südlichen Südamerika (Argentinien, Chile) verursacht die Varroamilbe allerdings die gleichen Probleme wie zum Beispiel in Europa.
Die Chance für Mittel- und Südamerika liegt so wie in Australien in den hohen Erträgen.
Europa
Die Probleme der europäischen Imkerei sind bekannt – Varroa, Faulbrut, Kalkbrut, Nachwuchsmangel usw.. Es fehlen noch der Small Hive Beetle und die Tropilaelaps-Milbe, dann wären die Sorgen für die europäische Imkerei komplett. Vielleicht kommt es durch die Einkreuzung von der Madagaskarbiene (Apis mellifera unicolor) oder der Scutellata in eine Kreuzungsbiene auch noch zum Capensisproblem in Europa.
Europa ist die natürliche Heimat der heute in der Welt verbreiteten Bienenrassen. Die Italienerbiene, die Carnica und zum Teil auch die Caucasica findet man heute überall auf der Welt. Und was macht Europa? – es probiert alle Bienenrassen aus, importiert Bienen aus aller Welt und verbastardiert seine Landbiene und zerstört so die Populationen seiner bodenständigen Bienenrassen. Die Chance Europas aber liegt für die Zukunft darin, seine natürlichen Genresourcen zu schützen und durch gute Zuchtarbeit zu verbessern. Das ist zum Nutzen der heimischen Imker und auch der Weltimkerei. Auch die Berufsimker Amerikas oder Australiens suchen heute ein leistungsfähige und sanfte Biene. Europa sollte diese Chance nützen, denn Hybridbienen sind nach dem derzeitigen Stand der Zucht kein Weg in die Zukunft (siehe Abb. 4). Außerdem sind verlorengegangene Genresourcen für immer verloren.Trachtet Europa nicht, dass seine heimischen Bienenrassen erhalten und verbessert werden, wird es sehr bald nur mehr wenige idealistische Kleinimker und eine gewisse Anzahl von Berufsimker geben. Die Berufsimker werden dann nur mehr in den guten Trachtgebieten ihre Bienen halten und weite Gebiete werden keine Bienen mehr für die notwendige Bestäubung haben.
Die Alternative zu den Problemen und Gefahren (aus der Sicht Europas)
Die Zuchtauslese der bodenständigen Bienen auf hohe Leistung, Sanftmut und Varroatoleranz ist der einzig zielführende Weg. Dadurch bleiben die wichtigen Genresourcen erhalten. Die europäische Imkerei hat auf dem Honigmarkt nur eine begrenzte Chance. Ihre Chance liegt vor allem auch in der Funktion einer „Zuchtzentrale“. Intern kommt noch dazu, dass man Imkernachwuchs nur mit sanften und leistungsfähigen Bienen gewinnen kann. Kaum ein junger Mensch wird sich im „Astronautenlook“ zu den Bienen stellen. Eine ganz wesentlich Grundlage für eine weiterhin florierende Imkerei ist der Zusammenschluss engagierter Imker zu Zuchtverbänden wie der ACA (Austrian Carnica Association), damit mit wissenschaftlich fundierten Methoden für die Zukunft der gesamten Imkerei gearbeitet werden kann.

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Last Update17.04.2012